Seit 1879 Lebensmittelindustrie und Milchwirtschaft

Europa – unsere Heimat?

von | 12. Juni 2024

Nicht alle Mitgliedstaaten halten eine Ausweitung der europäischen Vorschriften für die Kennzeichnung der Herkunft von Lebensmitteln gleichermaßen für notwendig. Das ist Ende Mai beim Agrarrat in Brüssel deutlich geworden.

Deutschland hatte das Thema gemeinsam mit Österreich auf die Agenda setzen lassen, um künfitg Verbraucher bei der potenziell nachhaltigeren Kaufentscheidung mit Blick auf Transportwege unterstützen zu können. An die Seite von Berlin und Wien stellten sich die Regierungen von Estland, Finnland, Frankreich und Portugal. Unterstützung kam auch von Spanien und Griechenland.

Doch nicht alle EU-Staaten tragen die Pläne zur Ausweitung der Herkunftskennzeichnung bei Lebensmitteln mit: In Tschechien wird die aktuelle Regelung für ausreichend gehalten. Skeptisch zeigte sich die polnische Delegation. Polen drängt auf eine Folgenabschätzung mit detaillierter Kosten-Nutzen-Rechnung; nahezu gleichlautende Forderungen erhob Bulgarien. Probleme erwartet Luxemburg, beispielsweise durch steigende Kosten innerhalb der Lebensmittelkette. Zurückhaltend äußerte sich Italien. Die Delegation betonte, dass vor allem die Landwirte einen Nutzen von neuen Regelungen haben müssten.

»Die Herkunft von Lebensmitteln wird für viele Menschen in Europa immer wichtiger«, sagte der österreichische Landwirtschaftsminister Norbert Totschnig und forderte die Kommission auf, »rasch“ einen Vorschlag zur Unterstützung der heimischen Landwirtschaft vorzulegen. Das Problem: »heimisch« hat für jedes Land die gleiche Bedeutung – differenziert sich aber naturgemäß regional. Was »heimisch« nicht bedeutet, wird in der Diskussion klar: ein gesamtheitlicher EU-Binnenmarkt, den jeder seine »Heimat« nennt, gibt es nur auf dem Papier.

Somit droht ein verstärkter Wettbewerb zwischen Landwirten aus verschiedenen EU-Mitgliedstaaten – neben einem erhöhten Verwaltungsaufwand für Lebensmittelhersteller und einem einhergehenden Anstieg der Lebensmittelpreise. Diese gelten dann für alle EU-Hersteller und Verbraucher – egal welches EU-Land man Heimat nennt.

Dies alles ergibt ein komplexes Zusammenspiel von Verbraucherinteressen, gesetzlichen Regelungen und industrieller Handhabung. Während die Einführung sicherlich einen wesentlichen Fortschritt darstellt, bleiben weitere kontinuierliche Dialoge zwischen Gesetzgebern, Industrie und Verbraucherverbänden essentiell. Ebenso die Bereitschaft, Regelungen zu überdenken und anzupassen – oder auch zu verwerfen, sollten Nachteile überwiegen.

Alexander Ströhlein
Chefredakteur
Deutsche Molkerei Zeitung

 

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