Seit 1879 Lebensmittelindustrie und Milchwirtschaft

Schlussfolgerungen für die Agrarpolitik aus dem Ukraine-Krieg

von | 12. Mai 2022

Der völkerrechtswidrige Angriff Russlands auf die Ukraine erschüttert viele Bereiche der Politik. Auf erschreckende Art und Weise wird klar, dass viele Strategien, die auf der Annahme einer dauerhaft friedlichen Koexistenz der Staaten basieren, so nicht mehr haltbar sind.

Dies gilt auch für den Bereich der internationalen Ernährungssysteme. In den letzten Jahrzehnten haben der globale Handel mit Agrargütern und die dadurch ermöglichte Nutzung der positiven Effekte einer Spezialisierung der Standorte große Fortschritte in der Ernährungssicherung ermöglicht – trotz Nachfragesteigerungen aufgrund von Bevölkerungswachstum und steigendem Fleischkonsum gibt es heute weniger Hunger auf der Welt als vor 20 Jahren. Osteuropa hat einen erheblichen Anteil an dieser Entwicklung, denn die Transformation der ehemaligen Sowjetrepubliken in marktwirtschaftliche Systeme hat zu erheblichen Produktivitätssteigerungen und damit zu einer wesentlichen Verbesserung der weltweiten Nahrungsmittelverfügbarkeit geführt.

Die Schwarzmeerregion ist im Zuge dieser Transformation zum Hauptexporteur für Brotgetreide und Öle geworden. Damit sind aber auch Konzentrationen in den Lieferketten entstanden, die jetzt zu erheblichen Risiken in der Versorgung der Importländer insbesondere in Afrika führen.
Damit ist das Thema globale Ernährungssicherheit in einer Dringlichkeit und Dramatik wieder auf der weltpolitischen Tagesordnung angekommen, mit der man in den vergangenen Jahren nicht gerechnet hätte. Die Konzepte und Strategien einer Transformation des deutschen und europäischen Agrarsektors bleiben zwar gültig, müssen jedoch im Angesicht dieser Situation neu durchdacht werden. Denn Grundlage dieser Strategien ist eine ausreichende Verfügbarkeit von Nahrungsmitteln und diese Grundlage ist kurz- und mittelfristig nicht mehr selbstverständlich. Und damit verringert sich der Spielraum für extensive Landnutzungskonzepte.

Die Zielkonflikte zwischen den ökologischen und ökonomischen Zielen der Flächennutzung, zwischen Nahrungsmittelversorgung und Biodiversitätserhalt, sind bislang in jeder ernsthaft lösungsorientierten Diskussion über die Zukunft der Landwirtschaft ein zentrales Thema gewesen. Daher ist das Konzept der ausbalancierten Nachhaltigkeit Grundlage von Green Deal und Farm-to-Fork-Strategie und Leitlinie des Abschlussberichtes der Zukunftskommission Landwirtschaft und der Vorschläge der Borchert-Kommission.
Sogar das Pariser Klimaabkommen von 2015 enthält direkt im Anschluss an die vielzitierte Vereinbarung zum 2-Grad- Ziel den bemerkenswerten und viel seltener zitierten Satz, dass alle Anpassungs- und Vermeidungsmaßnahmen zum Klimawandel in keinem Fall die Nahrungsmittelerzeugung gefährden dürfen.

Der große Erkenntnisfortschritt der letzten Jahre liegt gerade darin, dass sich weder die ökonomischen Kriterien wie Flächenproduktivität und Wertschöpfung einer Ökologisierung unterzuordnen haben, noch dass andersherum mit Verweis auf ein Primat der Ernährungssicherung eine Übernutzung der natürlichen Ressourcen zu rechtfertigen ist. Und darüber hinaus ist auch immer der soziale Aspekt zu berücksichtigen, also sowohl die gerechte gesellschaftliche Lastenteilung der Transformation als auch die Bedeutung der Akzeptanz von Produktionsverfahren und Produkten.
Haben nun der Krieg und die Krise die Einigungen der letzten Jahre hinfällig werden lassen?

Ich meine: Auf keinen Fall! Denn die Ziele der nachhaltigen Transformation sind nach wie vor gültig – in all ihrer Vielfalt und Komplexität!

Eine extreme Intensivierung der Nahrungsmittelerzeugung mit gravierenden negativen Folgen für Biodiversität und Klima kann nur eine kurzfristige Entlastung auf den Märkten bringen. Langfristig kann Ernährung nur gesichert werden, wenn die Ökosysteme funktionsfähig bleiben und das Klima den Ansprüchen der Nutzpflanzen entspricht. Und dazu müssen die Produktionssysteme ökologisch verträglich und klimaschonend weiterentwickelt werden – bei möglichst geringer Einschränkung der Flächenproduktivität.

Die gemeinsam beschlossenen Strategien und insbesondere ihre Ziele stehen nicht zur Disposition. Ihre Umsetzung wird angesichts der steigenden Knappheiten aber noch anspruchsvoller, als sie es ohnehin schon ist. Hier muss an vielen Stellen nachgesteuert werden. Umso wichtiger ist die konsequente Nutzung von nachhaltigen Innovationen und marktwirtschaftlichen Lösungen, von Kooperationsmodellen zwischen Landwirtschaft und Naturschutz, und von lösungsorientierten Diskussionsformaten wie Borchert und ZKL, einschließlich beherzter Umsetzung der Vorschläge. Zum Erfolg dieser Konsensformate gehört es auch, die geschlossenen Vereinbarungen im Kern nicht bei jeder Änderung der Verhältnisse wieder in Frage zu stellen –weder bei den Verwerfungen auf den Agrarmärkten, noch bei der sich in Zukunft erwartbar weiter zuspitzenden Situation bei Artenschwund und Klimawandel.
AgE

Dipl.-Ing. agr. Hubertus Paetow,
Präsident DLG e. V.

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