Ernährungssicherheit: Autarkie oder internationaler Handel?
Laut der Hohenheimer Agrarökonomin Prof. Christine Wieck leidet die Debatte um die europäische Ernährungssicherheit unter realitätsfernen Forderungen, beispielsweise nach nationaler Autarkie. Stattdessen müssten heimische Produktion, internationaler Handel und geopolitische Risiken im Rahmen eines Dreiklangs aus Sicherheit, Resilienz und Krisenvorsorge zusammengedacht werden. Bayerns Landwirtschaftsministerin Kaniber hält es dagegen für entscheidend, die Fähigkeit zur Lebensmittelproduktion im eigenen Land zu erhalten.

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Die Debatte um die deutsche und europäische Ernährungssicherheit leidet nach Ansicht von Prof. Christine Wieck von der Universität Hohenheim unter widersprüchlichen und teils realitätsfernen Argumenten. Bei einem Parlamentarischen Abend in der bayerischen Vertretung in Berlin warnte die Agrarökonomin am Mittwoch (7.10) vor einer politischen Verengung der Debatte auf nationale Autarkie oder den bedingungslosen Erhalt des Status quo. Heimische Produktion, internationaler Handel und globale Wettbewerbsfähigkeit müssten zwingend zusammengedacht werden.
„Wie soll Unabhängigkeit funktionieren, wenn wir Agrarrohstoffe importieren und gleichzeitig Exportweltmeister sind?“, hinterfragte Wieck aktuelle Anträge von zwei Oppositionsfraktionen im Bundestag. Während Bündnis 90/Die Grünen dort eine „krisenfeste und unabhängige“ Lebensmittelversorgung und die AfD gar „Ernährungssouveränität“ forderten, sehe die wirtschaftliche Realität anders aus. Rund 70% der heimischen Produktion gingen in den EU-Binnenmarkt. Gleichzeitig verfolge Deutschland eine weltweite Exportstrategie und sei bei Betriebsmitteln wie Sojaschrot massiv von Importen abhängig.
Permanente Veränderung notwendig
Kritisch bewertete die Co-Vorsitzende des Wissenschaftlichen Beirats für Agrarpolitik, Ernährung und gesundheitlichen Verbraucherschutz (WBAE) auch das Argument, Ernährungssicherheit funktioniere nur, wenn jeder einzelne Hof in Deutschland erhalten bleibe. Das will Wieck allenfalls dann gelten lassen, wenn es um Ziele wie Resilienz, Umweltschutz oder den Erhalt einer multifunktionalen Landwirtschaft geht.
Laut der Leiterin des Fachgebiets Agrar- und Ernährungspolitik in Hohenheim erfordert die Wettbewerbsfähigkeit der heimischen Landwirtschaft permanente Veränderung statt Stillstand. Um der starken Konzentration in der Wertschöpfungskette standzuhalten, seien strukturelle Anpassungen unumgänglich.
Weizen als Waffe
Auch die globalen Rahmenbedingungen haben sich nach Beobachtung von Wieck innerhalb weniger Jahre drastisch verändert. Ein neues Wettbewerbsrisiko stellt für die Agrarökonomin China dar: Das Land habe jahrelang Agrarrohstoffe aufgesogen, subventioniere nun aber im Wettstreit mit den USA die eigene Agrarproduktion massiv. Ähnlich wie bei Autos oder Solarpaneelen drohten dadurch erhebliche Marktverschiebungen: „Zusammen mit einer erratischen Handelspolitik der USA und den hybriden Angriffen Russlands erwachsen daraus große Risiken für die EU.“
Dass die Landwirtschaft nicht mehr den Regeln von Angebot und Nachfrage folge, hält Wieck zwar für eine Zuspitzung der Medien, denn auf Märkten wie für Milch oder Kartoffeln funktioniere der Preismechanismus weiterhin. Dennoch würden geopolitische Machtspiele an Gewicht gewinnen: „Wir kennen den Ausdruck Hunger als Waffe. Wir kennen Weizen als strategisches Commodity“, so die Wissenschaftlerin. Russland setze Getreideexporte nach Afrika gezielt ein, um dort das Abstimmungsverhalten im UN-Sicherheitsrat zu beeinflussen.
Dreiklang aus Sicherheit, Resilienz und Vorsorge
Für entscheidend hält die WBAE-Vorsitzende vor diesem Hintergrund ein wissenschaftlich fundiertes Zusammenspiel aus Ernährungssicherheit, Resilienz sowie einer kurzfristigen Krisen- und Notfallvorsorge durch staatliche Bevorratung und Eigenvorsorge. Einem „normativ verengten Wording der Ernährungssouveränität“ erteilte Wieck bei dem Parlamentarischen Abend eine Absage. Das Konzept sei in der Wissenschaft umstritten, da es stark mit Kapitalismus- und Systemkritik verknüpft sei. Zwar sei das Recht auf Nahrung fundamental, zielführender sei jedoch der Dreiklang aus Sicherheit, Resilienz und Vorsorge.
Aktuell hält Wieck die Verfügbarkeit von Lebensmitteln durch das Zusammenspiel aus heimischer Produktion und belastbaren internationalen Lieferketten für gesichert. Rein rechnerisch könnte Deutschland über den Selbstversorgungsgrad lange autark durchhalten – allerdings nur, „wenn die Bevölkerung ihren Ernährungsstil radikal auf Kartoffeln, Kohl, Möhren und Fleisch sowie Linsen von der Schwäbischen Alb umstellen würde“. Dies widerspreche jedoch der Realität und dem Verbraucherwunsch nach ganzjährig verfügbarem Obst, Gemüse, Kaffee und Kakao.
Kaniber hält dagegen
In gewissem Kontrast zur Analyse der WBAE-Vorsitzenden stand eine schriftliche Erklärung von Michaela Kaniber, die nicht persönlich an der Veranstaltung teilnehmen konnte. Die bayerische Landwirtschaftsministerin hält es für entscheidend, die Fähigkeit zur Lebensmittelproduktion im eigenen Land unbedingt zu erhalten. Ernährungssicherheit beginnt für sie nicht im Supermarkt, sondern auf den Feldern, in den Ställen sowie in den Verarbeitungsbetrieben. Einmal abgebaute Produktionskapazitäten ließen sich im Krisenfall nicht kurzfristig wiederherstellen, gab sie zu bedenken.
Politischen Forderungen nach einer Reduzierung der Nutztierhaltung erteilte Kaniber in der Stellungnahme eine klare Absage: „Eine Politik, die die Nutztierhaltung in Deutschland gezielt zurückdrängt, ist aus meiner Sicht falsch und mit Blick auf unsere Versorgungssicherheit gefährlich“, warnte die CSU-Politikerin. Wer eigene Kapazitäten und damit Versorgungspotenzial abbaue, riskiere eine wachsende Importabhängigkeit. „Wir dürfen unsere Ernährungssicherheit nicht exportieren“, stellte Kaniber klar. Dies gelte nicht nur für Produkte, sondern auch für regionale Nährstoffkreisläufe: „Wer Tierhaltung abbaut, muss letztlich Nährstoffe importieren. Dann hängen wir noch stärker am Weltmarkt – und im Zweifel an der Straße von Hormus.“ AgE
