Seit 1879 Lebensmittelindustrie und Milchwirtschaft

Milchalternativen: Ein Fünftel weniger Kühe bis 2035?

27. Oktober 2026

Pflanzliche und fermentierte Milchalternativen könnten ihren Anteil am deutschen Milchmarkt bis 2035 auf bis zu 25% steigern. Gleicht die Milchwirtschaft den sinkenden Inlandsabsatz nicht über zusätzliche Exporte aus, könnte die heimische Milcherzeugung um fast ein Fünftel schrumpfen. Zu diesem Schluss kommt eine Studie, die der Thinktank Agora Agrar gemeinsam mit der Deutschen Landwirtschafts-Gesellschaft (DLG) und der Universität Hohenheim am Donnerstag (22.10.) vorgelegt hat.

Zwei Szenarien untersucht

Die Autoren haben zwei Nachfrageszenarien durchgerechnet. Als alternative Milchprodukte gelten dabei pflanzliche Erzeugnisse wie Haferdrinks sowie Produkte aus Fermentationsverfahren. Das konservative Szenario schreibt bestehende Trends bei geringem Marktwachstum fort. Hier steigt der Marktanteil der Alternativen von 7,4% im Jahr 2023 auf 12,5% im Jahr 2035. Im dynamischen Szenario erreicht er 25%, getragen vor allem von pflanzlichen Produkten. Diesem Szenario liegen große technologische Fortschritte, ein mittleres Marktwachstum und schnelle EU-Zulassungen für Produkte aus der Präzisionsfermentation zugrunde.

Exporte entscheidend

Wie stark die deutsche Milcherzeugung betroffen wäre, hängt laut Studie vor allem vom Außenhandel ab. Fangen die Molkereien den Rückgang im Inland vollständig über Exporte auf, bliebe die Produktion in beiden Szenarien stabil. Schlägt der Nachfragerückgang dagegen voll auf die heimische Erzeugung durch, sänke diese bis 2035 gegenüber 2023 um 5,5% im konservativen und um 19,4% im dynamischen Szenario. Bei gleichbleibender Milchleistung wären das 200.000 bis 670.000 Milchkühen weniger. Das entspräche 5,4 beziehungsweise 18% des Milchkuhbestandes von 2023.

Auch die Betriebsstruktur würde sich verändern. Rechnerisch könnten 2.000 bis 8.000 Milchviehbetriebe durchschnittlicher Größe wegfallen. Besonders gefährdet wären weniger wettbewerbsfähige Betriebe, die Preisrückgänge infolge der sinkenden Nachfrage schlechter verkraften. Da sie häufiger in Süddeutschland liegen, könnten die Folgen dort besonders spürbar sein.

Chance für Molkereien

Zulasten der heimischen Milchwirtschaft muss die Entwicklung aber nicht zwangsläufig gehen. Molkereien könnten ihr Angebot erweitern und mit vorhandenen Anlagen, Produktionslinien und Know-how neue Geschäftsfelder erschließen, heißt es in der Studie. Ein wachsendes Geschäft mit Alternativprodukten könnte einen Teil der sinkenden Nachfrage nach Milchprodukten tierischen Ursprungs auffangen. Breiter aufgestellte Molkereien könnten so auch regionale Milchviehbetriebe sichern.

Unsicherheiten bleiben

Einen großen Einfluss auf den Markt soll letztlich die technologische Entwicklung haben. „In unserer Studie gehen wir davon aus, dass sich ab Anfang der Dreißigerjahre durch Einsatz der Biomasse- und Präzisionsfermentation neue Entwicklungsmöglichkeiten für alternative Milchprodukte ergeben“, sagte Stephanie Wunder von Agora Agrar. Viele dieser Produkte müssten jedoch zunächst nach der Novel-Food-Verordnung zugelassen werden. Die Verfahren dauerten in der Praxis deutlich länger als in der Verordnung vorgesehen, so Wunder. Für die antragstellenden Unternehmen bedeute das große Unsicherheit.

Auch in weiterverarbeiteten Lebensmitteln könnten alternative Zutaten zum Einsatz kommen, ohne dass sich das Produkt für die Endverbraucher grundlegend verändert, so die Studienautoren. Wie schnell sich Produkte, die Zutaten unterschiedlicher Herkunft – pflanzlich, tierisch oder biotechnologisch erzeugt – kombinierten, am Markt etablieren könnten, sei aber noch nicht absehbar, so Inka Scharf vom DLG-Fachzentrum Landwirtschaft und Lebensmittel. Neben den Zulassungsverfahren seien auch Faktoren wie Produktionskosten und Verbraucherakzeptanz einzubeziehen. AgE

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