Indien – ein Vorbild für vegetarische Ernährung?
In der Debatte über nachhaltige Ernährung fehlt es nicht an falschen Narrativen, die suggerieren sollen, dass eine vegetarische oder manchmal sogar vegane Ernährung weltweit möglich sei. Dabei findet Indien als angeblich größtes Realbeispiel am häufigsten Erwähnung. Zu Recht?

»Die Inder ernähren sich weitestgehend vegetarisch, viele sogar vegan, und es funktioniert!« So lautet es oftmals, wenn es um die Frage geht, ob eine vegetarische oder sogar vegane Ernährung für alle möglich sei. Auch mit Blick auf die Umweltauswirkungen und die Entstehung von Treibhausgasemissionen gilt die Ernährung in Indien in dieser Argumentation als vorbildlich. Nur knapp eine Tonne Treibhausgase verursacht ein Mensch in Indien im Jahr bezogen auf das Ernährungssystem. Weniger als halb so viel wie ein Mensch in Deutschland, schließlich essen die Menschen in Indien ja kaum Fleisch und trotz Milch und Milcherzeugnissen überwiegend pflanzliche Proteine. Soll auch sehr gesund sein. Also alles in Butter beziehungsweise Ghee?
Warum is(s)t Indien überhaupt vegetarisch?
Indien ist ein Land der Gegensätze, möglicherweise wie kaum ein Zweites. Auf der einen Seite eine aufstrebende Volkswirtschaft, auf der anderen Seite in vielen ländlichen Regionen wenig entwickelt. Ein polytheistisches religiöses Glaubenssystem mit dem Versprechen der Wiedergeburt steht einem der weltweit stärksten Potenziale informationstechnischer und naturwissenschaftlicher Nachwuchskräfte gegenüber. Ein verkrustetes gesellschaftliches Hierarchiesystem beeinflusst den sozialen Status und die Zukunftschancen wie sonst nirgendwo auf der Welt und gleichzeitig kann jeder mit einer guten Idee und etwas Startkapital zum Milliardär werden. Was von außen betrachtet wie ein großes Durcheinander wahrgenommen werden kann, ist im Inneren ein fein abgestimmtes Ökosystem, das in dieser Form einzigartig ist. Weil es irgendwie zu funktionieren scheint, blicken westliche Beobachter oftmals mit einer Mischung aus Faszination, Neugier und kognitiver Dissonanz auf die rasante Entwicklung Indiens.
Geschichtlich unterlag Indien vielfältigen kulturellen und religiösen Einflüssen. Große Weltreiche griffen immer wieder nach diesem Subkontinent, von den Mogulreichen Zentralasiens bis zum Britischen Empire und kürzeren Phasen durch das Persische Reich und islamische Sultanate sowie portugiesische, niederländische und französische Kolonialmächte. Der Einflussbereich erstreckte sich bisweilen vom heutigen Pakistan bis nach Bangladesch, dazwischen die heutige Republik Indien bis zu seinem südlichsten Punkt. Mit Strömungen des Islams, des Buddhismus sowie des Christentums wurde die gesamte kulturelle Identität der regionalen Bevölkerungsgruppen immer wieder transformiert, teilweise unter Zwang. Der Hinduismus als eine der ältesten Weltreligionen, dessen Ursprung jedoch kaum auf einen exakten Entstehungszeitpunkt zurückgeführt werden kann, war daher mal mehr und mal weniger dominant, ist jedoch auch aufgrund seines flexiblen Glaubens-Konstruktes niemals aus dem kulturellen Erbe verschwunden. Während es nach den Überlieferungen eigentlich der obersten Gesellschaftsschicht, den Brahmanen, zugeschrieben ist, sich vegetarisch zu ernähren, wurde die vegetarische Ernährung teils aus politischem Kalkül und teils aus den realen Lebensbedingungen im Sinne der Versorgung mit Lebensmitteln zunehmend ein gesellschaftsübergreifendes Identifikationsmerkmal. Galt Fleischverzicht bei den Brahmanen bereits als Abgrenzungsmerkmal der Reinheit zu den niederen Kasten, wurde es bald zu einem Abgrenzungsmerkmal zu den muslimischen Bevölkerungsteilen, wie die französische Journalistin Naïké Desquesnes es in ihren Texten ausführlich erläutert. Im Islam galt Schweinefleisch schon lange zuvor als unrein, wie es durch den Koran überliefert wurde. Die heilige Kuh im Hinduismus war dazu der passende Gegenentwurf, wobei es auch im Hinduismus kein generelles Fleischverbot gibt.
Nach der Gründung der heutigen Republik Indien im Jahr 1947 und nachdem ein Bürgerkrieg zwischen muslimischen und hinduistischen Bevölkerungsgruppen nur um Haaresbreite verhindert werden konnte, entfaltete sich der Hinduismus im heutigen Indien mit einer neuen Dynamik. Zumal auch das Kolonialjoch des Britischen Empire abgeschüttelt war, fand nun die Abspaltung des muslimisch gläubigen Bevölkerungsteils von dem vorrangig hinduistisch gläubigen Bevölkerungsteil statt: Der hinduistische Bevölkerungsteil siedelte bzw. verblieb in den heute geographisch gültigen Grenzen Indiens, während der muslimische Bevölkerungsteil in die Regionen des heutigen Pakistan und Bangladesch zog bzw. umgesiedelt wurde. Im weiteren Verlauf der Geschichte entwickelten sich die entstandenen Nationalstaaten weitestgehend unabhängig, wobei politische Spannungen insbesondere zwischen Indien und Pakistan bis heute auftreten. Dass die religiösen Mehrheitsverhältnisse in den jeweiligen Ländern eine Rolle spielen, ist dabei immanent. Und auch die indische Bevölkerung selbst wird zunehmend durch einen neu aufkommenden Hindu-Nationalismus in religiöse Konflikte mit der muslimischen Minderheit verwickelt, wobei die heilige Kuh und der Vegetarismus einmal mehr als Abgrenzungsmerkmale beschworen werden.
Wie vegetarisch sind die Inder wirklich – und warum?
Wie deutlich wurde, ist die religiös-kulturelle Entwicklung in Indien ein wesentlicher Grund für den dortigen Vegetarismus. Dieser sollte allerdings auch nicht überschätzt werden. Zum einen unterscheiden sich die Anteile vegetarisch lebender Menschen stark nach dem jeweiligen Bundesstaat, weshalb ein deutliches Gefälle von Nordwest nach Südost feststellbar ist (Abbildung 1). Von den Bundesstaaten mit den höchsten Anteilen von über 60 bis 75 % in Rajasthan, Haryana, Punjab oder Gujarat sinken die Anteile laut dem National Sample Survey der indischen Regierung in den Bundesstaaten Kerala, Tamil Nadu, Andhra Pradesh und West Bengal auf unter 3 %. Der Vegetarismus ist also insbesondere in den Bundesstaaten und Regionen besonders stark verbreitet, die an oder in Nähe der pakistanischen Grenze liegen. Zum anderen spielen traditionell, religiös oder kulturell verankerte Speisevorschriften auch bei den jüngeren Generationen der indischen Bevölkerung zunehmend eine geringere Rolle, wie die indische Datenjournalistin Rukmini S. in ihrem lesenswerten Buch »Whole Numbers, Half Truth – what numbers cannot tell us about modern India« schreibt. Demnach sei sogar noch von geringeren Raten sich vegetarisch ernährender Menschen in Indien auszugehen, als in den regelmäßig durch die indische Regierung angegebenen Befragungen zum Ausdruck kommt. Gerade viele junge Menschen gäben aus einem gewissen traditionellen Pflichtbewusstsein gegenüber ihren Familien heraus an, sich vegetarisch zu ernähren. Tun dies aber allenfalls noch, wenn sie auf Heimatbesuch sind, während sie in den Großstädten fernab der sozialen Kontrolle regelmäßig Fleisch konsumieren, vor allem Geflügelfleisch. Letzteres ist seit jeher in den regionalen Küchen Indiens weit verbreitet.

Ein anderer Grund für den trotz allen Wandels immer noch weit verbreiteten Vegetarismus in der indischen Bevölkerung ist die Versorgungssituation mit Lebensmitteln allgemein. Um unter den vorherrschenden klimatischen Bedingungen Fleisch zu erzeugen, bietet sich einzig die Geflügel- und Rinder- beziehungsweise Büffelzucht an. Büffel gelten in Indien nicht als heilig, Kühe hingegen schon, sodass Büffel als Nutztiere gehalten werden. Die Milch beider Wiederkäuer findet allerdings Verwertung, da viele indische Familien sich ein oder mehrere Tiere für den Eigenbedarf halten oder große Herden für den kommerziellen Verkauf gehalten werden. Meistens wird die Milch von Rindern und Büffeln in den Molkereien gemischt und sowohl inländisch als auch für den Export vermarktet. Indien ist heute der Nationalstaat mit der weltweit höchsten Milcherzeugung (Abbildung 2), doch was passiert mit den Rindern und Büffeln, wenn die Milchleistung sinkt? Büffel werden geschlachtet und auch von Indern konsumiert. Rinder werden hingegen in Tierasyle oder andere Einrichtungen gegeben, zuletzt ist jedoch auch eine Schlachtung unausweichlich. Rindfleisch wird zudem auch von dem muslimischen Teil der Bevölkerung konsumiert, was wiederum nationalistisch motivierte Konflikte zwischen Hindus und Muslimen befeuert. Geflügelfleisch ist hingegen religiös und kulturell neutral und erlebt daher einen starken Aufschwung.

Generell ist es allerdings so, dass Indien obgleich der Stellung als mit 15 % anteilig größter Agrarproduzent der Welt gleichzeitig auch der größte Nettoexporteur von Lebensmitteln und Agrarrohstoffen ist. Laut Welternährungsorganisation FAO gelten immer noch 13 % der Bevölkerung als unterernährt und die Hälfte aller Frauen leidet unter anämischen Zuständen. Wachstumsstörungen sind bei 31 % der Kinder unter fünf Jahren zu beobachten. Mit einem Versorgungsanteil von über 80 % pflanzlicher Lebensmittel fehlt es trotz eines hohen Konsums an Milch und Milchprodukten an ausreichend tierischem Protein sowie kritischen Mikronährstoffen wie Eisen.
Fazit
Indien beschreitet seit über einem Jahrzehnt den Weg einer aufstrebenden Volkswirtschaft. Religiös und kulturell bedingte gesellschaftliche Barrieren werden teilweise durch die Regeln moderner Leistungsgesellschaften relativiert. Durch die steigende Kaufkraft in Teilen der Bevölkerung verändert sich auch das Konsumverhalten mit Bezug auf Lebensmittel und Ernährung generell. Die immer noch in weiten Teilen der indischen Bevölkerung vorhandenen ernährungsmitbedingten Einschränkungen der Gesundheit werden trotz religiös-traditioneller Speisevorschriften als lösbare Herausforderung erkannt und weniger einer dogmatischen Lebensführung untergeordnet. Insbesondere für Kinder und Jugendliche trägt eine Ernährung mit ausreichend Nährstoffen und hochwertigem Protein nicht nur zur körperlichen, sondern auch geistigen Entwicklung bei, die sich zeitlebens positiv auswirkt. Mit zunehmender Bildung und steigendem Bewusstsein zu diesen Zusammenhängen werden Wissen und Erkenntnisse über Lebensmittel und Ernährung auch zu einem steigenden Konsum von Fleisch beitragen, wie er sich bereits über die letzten zehn Jahre in kleinen Schritten zugetragen hat. Ganz Indien konsumiert heute so viel Fleisch wie ganz Deutschland. Der Konsum pro Kopf ist deutlich niedriger, doch dieser wird konstant weiter zunehmen. Ob Indien dann immer noch als Vorzeigeland des Vegetarismus dienen kann, wird sich erweisen müssen.
Dr. Malte Rubach


