Seit 1879 Lebensmittelindustrie und Milchwirtschaft

MIV: „Milchverarbeitung von steigenden Energiekosten stark betroffen“

von | 15. März 2022

Die Folgen des Ukraine-Krieges für die Milchwirtschaft sind beträchtlich und im vollen Umfang noch gar nicht absehbar. Sie werden wahrscheinlich wesentlich gravierender sein als die Auswirkungen der Corona-Pandemie.

Die Ukraine ist im Milchmarkt ein kleinerer Spieler. Die Milcherzeugung von 8,7 Mio. t im Jahr 2021 entspricht weniger als einem Prozent der weltweiten Erzeugung. Seit 2014 ist die Milcherzeugung dort laut ZMB kontinuierlich gesunken und damit auch die Exporte von Milcherzeugnissen. Daher werden die direkten Auswirkungen des Krieges auf den weltweiten Handel mit Milchprodukten gering sein. Es ist aber damit zu rechnen, dass die Milcherzeugung und -verarbeitung aufgrund der Kriegshandlungen sinken und sich das ohnehin aktuell weltweit geringe Angebot zusätzlich verringert. Gleichzeitig werden Milchprodukte für Lebensmittellieferungen ins Kriegsgebiet und für die Versorgung der Geflüchteten in der EU benötigt.

Der Handel mit Milchprodukten zwischen dem Angreifer Russland und den westlichen Ländern ist bereits seit 2014 weitgehend zum Erliegen gekommen. Damals hat Russland auf die Sanktionen wegen Annexion der Krim mit dem Importstopp für Lebensmittel aus den meisten westlichen Ländern reagiert. Die EU hat ihren größten Exportmarkt für Käse und Butter verloren. Die russischen Importe sind dauerhaft gesunken. Derzeit sind lediglich unwesentliche Verschiebungen zu erwarten.

Von den indirekten Folgen des Konfliktes ist die deutsche Milchwirtschaft aber massiv betroffen: Für die Milcherzeuger steigen die ohnehin bereits hohen Kosten weiter. Diesel, Dünger und Kraftfutter sind in den ersten zwei Wochen seit dem Angriff der Ukraine bereits beträchtlich gestiegen. Russland ist der größte Düngerexporteur der Welt, so dass eine Verstärkung der bereits bestehenden Engpässe zu erwarten ist. Die Ukraine, traditionell die Kornkammer der Welt, ist ein wichtiger Lieferant u.a. für Eiweißfuttermittel wie Soja und Rapsschrot. Gentechnikfreies Futter hat sich dadurch bereits verknappt. Durch diese Faktoren ist es unsicher, wie sich das Milchaufkommen weiter entwickeln wird. Obwohl die Milchauszahlungspreise derzeit steigen, kann es zu Produktionseinschränkungen kommen.

Die Energiekosten sind durch den Konflikt generell stark gestiegen und die Milchverarbeitung ist davon stark betroffen. Der Energiebedarf für die Kühlung, Erhitzungsprozesse und den Transport ist hoch und die Kostensteigerungen treffen die gesamte Kette hart. Auch die Kosten für Verpackungen und weitere Hilfsstoffe werden berührt. Die durch die Corona-Pandemie entstandenen Lieferengpässe haben sich noch verstärkt.

Weitere Preisanhebungen für Milchprodukte sind unumgänglich. Kalkulationen werden erschwert, da die weitere Entwicklung nicht absehbar ist. Russland ist für Deutschland der größte Lieferant von fossilen Energieträgern. Eine Ausweitung der bisherigen Sanktionen oder ein Embargo von russischer Seite für Energielieferungen würden die Lage weiter verschärfen.

Für die Verbraucher wird die Inflation, die in den letzten Monaten bereits ihren höchsten Stand seit Jahrzehnten erreicht hatte, weiter ansteigen. Ob am Essen wieder stärker gespart werden wird, ist eine der zahlreichen offenen Fragen.

Dr. Björn Börgermann
Geschäftsführer
Milchindustrie-Verband e. V.

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