Tierwohl-Gipfel spricht sich für eine Haltungskennzeichnung aus
Hofer, Lidl, Rewe und Spar geben bei Treffen mit Sozialministerin Rausch klares Bekenntnis dazu ab – Landwirtschaftskammer und Bauernbund kritisieren den Alleingang ohne die Tierhalter – Landwirte sollten mit am Verhandlungstisch sitzen – Warnung vor bürokratischem Super-GAU
Die vier großen Lebensmittelhandelsketten Österreichs – Hofer, Lidl, Rewe und Spar – unterstützen das Vorhaben, in dem Alpenland eine verpflichtende Kennzeichnung der Tierhaltung einzuführen. Zu dieser Entscheidung kam es bei einem Transparenz- und Tierwohl-Gipfel, zu dem der für den Tier- und Konsumentenschutz zuständige Sozialminister Johannes Rauch eingeladen hatte. „Wir haben uns zusammen darauf geeinigt, bis Ende des Jahres in einem gemeinsamen Prozess eine entsprechende Kennzeichnung der Tierhaltungsform für Fleischprodukte zu erarbeiten“, erklärte der Minister nach dem Treffen. Eine künftige Tierhaltungskennzeichnung soll laut Rauch den Verbrauchern ermöglichen, auf einem Blick zu erkennen, welchem Tierhaltungsstandard die gekauften Fleischprodukte entsprechen. Geplant sei, dabei die Agrarmarkt Austria (AMA) einzubeziehen. Auch der Handelsverband signalisierte seine Unterstützung für das Vorhaben. Diesbezügliche Gespräche mit dem Sozialministerium liefen seit Monaten auf Hochtouren. Der Verband hob hervor, dass der heimische Einzelhandel bereits mit gutem Beispiel vorangehe und längst größter Abnehmer von heimischem Fleisch aus tierfreundlicher Haltung sei. Auf deutliche Kritik stieß das Treffen im Sozialministerium beim landwirtschaftlichen Berufsstand. Der Präsident der Landwirtschaftskammer Österreich, Josef Moosbrugger, nannte es „inakzeptabel“, dass die Bauern nicht in die Diskussionen zur Kennzeichnung eingebunden seien. „An so einen Tisch gehören nicht nur Handels- und Ministeriumsbosse, sondern auch Vertreterinnen und ‑vertreter aus der Praxis – also jene Menschen, die von der Tierhaltung leben müssen“, monierte der Kammerpräsident. Auch Bauernbund-Präsident Georg Strasser forderte eine Einbindung der Bauern: „Wie die Tierhaltung in Österreich aussieht, kann nicht über die Köpfe der Tierhalter hinweg entschieden werden.“ Tierwohl gehe nur gemeinsam mit den Landwirten, denn nur sie könnten die notwendigen Maßnahmen auf ihren Höfen umsetzen.
Schwieriger Drahtseilakt
Laut Moosbrugger sind die Landwirte in einem hohen Maß daran interessiert, dass es den Tieren auf ihren Betrieben gut geht. Außerdem stünden das Tierwohl und die Zufriedenheit der Bauern meist in einem direkten Zusammenhang. „Weiterentwicklungen können allerdings nur durch gemeinsame Anstrengungen der gesamten Wertschöpfungskette erreicht werden – bis zu den Konsumentinnen und Konsumenten“, betonte der Kammerpräsident. Wie bei der Herkunft stehe der Berufsstand auch bei den Tierhaltungsformen mehr Transparenz offen gegenüber. Es sei allerdings ein schwieriger Drahtseilakt, die Vielfalt der kleinstrukturierten Tierhaltung Österreichs in ein Schulnotensystem einzuteilen und somit abzustufen. Strasser hält es ebenfalls für eine Herausforderung, die Vielfalt der heimischen Tierhaltung in ein Kennzeichnungssystem mit fünf Stufen zu stecken. Zudem dürfe kein bürokratischer Super-Gau entstehen. „Eine Tierhaltungskennzeichnung braucht ein praktikables, verlässliches und zentrales Kontrollsystem. Im Vergleich etwa zu Deutschland haben wir dieses System mit dem AMA-Gütesiegel bereits“, betonte der Bauernbundpräsident. Es sei nur sinnvoll, dass bereits etablierte AMA-Gütesiegel-Programm weiterzuentwickeln.
Alle Beteiligten enbeziehen
Die AMA-Marketing hob mit Blick auf das Treffen hervor, dass sie sich schon seit langem zu einer objektiven Kennzeichnung von Haltung und Tierwohl bekenne. „Seit mehreren Monaten arbeiten wir in sehr konstruktiven Gesprächen gemeinsam mit den Vertretern der Landwirtschaft, Produktion und des Handels an einem Kennzeichnungssystem, das auf den ersten Blick Auskunft über die Tierhaltung gibt“, erklärte der Geschäftsführer der AMA-Marketing, Dr. Michael Blass. Immer wieder seien auch Tierschutzorganisationen mit ihren Visionen, Forderungen und ihrer Kritik in den Prozess involviert. Wichtig dabei sei die Einbindung aller Player und Produktionsstufen. Die Kennzeichnung soll laut Blass alle tierischen Bereiche umfassen, also Fleisch und Fleischwaren von Schwein, Rind und Geflügel sowie Milch und Milchprodukte. Sie soll künftig allen Marktpartnern als österreichweite Branchenlösung zur Verfügung stehen. AgE
