Seit 1879 Lebensmittelindustrie und Milchwirtschaft

Aufhebung der Hafenblockade lässt Agrarexporte wieder anlaufen

18. August 2022

„Istanbuler Abkommen“ funktioniert bislang reibungslos – Kiewer Wirtschaftsinstitut rechnet mit Verladungen von rund 2 Millionen Tonnen Getreide pro Monat – Ausfuhren wurden schon im Juli spürbar ausgebaut – Mehr als 20 Millionen Tonnen neues Getreide geerntet – Agrarrat befürchtet eine deutlich geringere Aussaat zur Ernte 2023

Foto: pixabay

Nach der offiziellen Freigabe der ukrainischen Schwarzmeerhäfen Odessa, Tschornomorsk und Pivdennyj am 1. August sind die Exportaktivitäten des kriegsgeschüttelten Landes wieder in Gang gekommen. Laut Angaben der nationalen Hafenverwaltung waren in den ersten neun Tagen nach Aufhebung der russischen Seeblockade bereits zwölf Schiffe mit einer Beladung von insgesamt 370 000 t Agrargütern ausgelaufen, und weitere Frachter standen bereit. Damit kommt das von der Regierung anvisierte Ziel, monatlich bis zu 3 Mio t Getreide umzuschlagen, in Reichweite. Das Kiewer Wirtschaftsinstitut (KSE) gibt sich hier allerdings vorsichtiger. Zwar liege das theoretische Umschlagpotential der drei Seehäfen bei 3,7 Mio t pro Monat; angesichts begrenzter Schiffskapazitäten und logistischer Schwierigkeiten seien bis Ende des Jahres jedoch nur monatliche Verladungen von rund 2 Mio t realistisch, so die Kiewer Ökonomen. Auf dieser Grundlage sei davon auszugehen, dass die Ukraine im Wirtschaftsjahr 2022/23 inklusive der alternativen Exportrouten über Schiene, Binnenschifffahrt und Straße etwa 12 Mio t Weizen, 3 Mio t Gerste, 28 Mio t Mais, 2,5 Mio t Raps sowie 4 Mio t Sonnenblumenöl exportieren könnte, so die aktuelle Schätzung des KSE-Agrocenters. In dieser Rechnung sind auch die 20 Mio t Agrargüter aus der Ernte 2021 enthalten, die wegen der Hafenblockade im vergangenen Jahr nicht ins Ausland verkauft werden konnten.

Probleme bei erstem Schiffstransport

Laut dem ukrainischen Außenminister Dmytro Kuleba funktioniert das „Istanbuler Abkommen“ bisher reibungslos. Es biete grundsätzlich die Chance, den Warenverkehr über das Schwarze Meer wiederherzustellen. Die Vereinbarung sieht die Einhaltung einer zehn Seemeilen breiten Pufferzone vor, in der die Unterzeichner auf Angriffe gegen zivile Schiffe oder Hafenanlagen verzichten. Überwacht wird die Einhaltung vom Joint Coordination Centre (JCC) in Istanbul, an dem Vertreter des türkischen, ukrainischen und russischen Militärs sowie der Vereinten Nationen (UN) beteiligt sind. Allerdings begann schon der erste Schiffstransport mit Problemen. Die am 1. August von Odessa mit Kurs auf den Libanon abgelegte „Razoni“ stand kurz vor der Ankunft am Zielhafen ohne Käufer da. Nach Angaben der ukrainischen Botschaft in Beirut hatte der libanesische Kunde die Annahme der rund 26 000 t Mais verweigert. Begründet worden sei dies mit der Verspätung der ursprünglich gut fünf Monate früher vereinbarten Lieferung, hieß es.

Umfangreiche Maisexporte

Schon im Juli konnte die Ukraine ihre Agrarexporte spürbar ausbauen, obwohl in dem Monat die Seehäfen wegen der russischen Blockade noch vollständig abgeriegelt waren. Nach Angaben des Landwirtschaftsministeriums in Kiews wurden insgesamt 2,66 Mio t Getreide, Ölsaaten – ohne Raps – und Nebenerzeugnisse ausgeführt; das waren rund 493 000 t oder 23 % mehr als im Vormonat. Die Weizenexporte legten im Juli auf etwa 412 000 t zu; gegenüber Juni war das eine Steigerung um 274 000 t oder fast das Dreifache. Hier sind dem Agrarressort zufolge bereits die Auswirkungen der neuen Ernte spürbar. An Gerste wurden im Berichtsmonat 183 000 t für den Export verschifft; das war ein Vielfaches der 26 000 t, die im Juni zu Beginn der Getreideernte ausgeführt worden waren. Die Ausfuhr an Mais erhöhte sich im Juli, dem Monat, in dem sich die ukrainische Maissaison erfahrungsgemäß dem Ende zuneigt, gegenüber Juni um 84 000 t auf insgesamt 1,1 Mio t. Etwas abgeflaut ist inzwischen der Export an Sonnenblumensaat. Mit 362 000 t wurde im Juli die im Vormonat verzeichnete Menge um etwa ein Drittel unterschritten. Laut Ministerium ist die Ausfuhr etwas nach unten gegangen, weil die heimischen Ölmühlen damit begonnen haben, sich mit Sonnenblumensaat einzudecken.

Lieferketten weiter stockend

Trotz der Öffnung der drei Seehäfen bleibt die Lage für die meisten ukrainischen Landwirte nach wie vor angespannt. Serhiy Ivashchuk vom Ukrainischen Agrarrat (VAT) geht davon aus, dass es noch Monate dauern könnte, bis allein die alterntigen Restbestände abgebaut sind. Erst dann werde die Öffnung auch im Inland eine Wirkung auf die Preise entwickeln. Ivashchuk zufolge leiden die ukrainischen Landwirte weiterhin schwer unter den stockenden oder ganz unterbrochenen Lieferketten. Diese sorgten auf der einen Seite für hohe Erzeugungskosten, die aktuell im Westen des Landes bei umgerechnet rund 160 Euro/t Getreide lägen. Im Verkauf erhielten die Landwirte dort jedoch im Schnitt nur etwas mehr als 110 Euro/t, so der Landwirt; teilweise würden die Erlöse durch die hohen Transportkosten ganz aufgefressen. Unterdessen setzten die Ackerbauer ihre Erntearbeiten fort. Ukrinform meldete am vergangenen Freitag (12.8.), dass bereits 20,8 Mio t Getreide eingebracht worden seien. Das Kiewer Agrarressort erwartet in diesem Jahr eine Getreideernte von 55 Mio t bis 67 Mio t.

Liquidität sicherstellen

Aufgrund der fehlenden Rentabilität befürchtet der ukrainische Agrarrat eine deutliche Einschränkung der Aussaat und damit einen drastischen Produktionsrückgang im kommenden Jahr. Er appellierte deshalb an die Regierung in Kiew, die teilweise auf die diesjährige Frühjahrsaussaat beschränkten Liquiditätsprogramme zu verlängern und auszuweiten. Ansonsten seien die Beschaffung von Saatgut, Dünger oder Pflanzenschutz und damit auch die nationale sowie internationale Ernährungssicherheit gefährdet. Ungemach droht nach Einschätzung des Verbandes aber auch von anderer Seite. Die in Westeuropa grassierende Trockenheit habe auch Teile der Ukraine im Griff. Damit stellte sich die Frage, ob die zuletzt nach oben gesetzten Ernteprognosen zu halten seien. Der VAR rechnet in den von der Trockenheit betroffenen Gebieten bei den späten Feldfrüchten mit Ertragsrückgängen von 20 % bis 40 %. Hinzu kämen trockenheitsbedingte Probleme bei der anstehenden Aussaat vom Winterraps zur Ernte 2023. Der Agrarrat ist daher skeptisch, ob die geplanten Flächen beim Raps in diesem Jahr auch in vollem Umfang bestellt werden, zumal sich das optimale Zeitfenster dafür bald schließe. AgE

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