Stahl kündigt höhere Preise für Milchprodukte an
Stark gestiegene Kosten belasten Molkereien und Milcherzeuger – Für den MIV-Vorsitzenden sind höhere Molkereiabgabepreise deshalb zwingend nötig – Verbraucherpreise dürften sich aber auch wegen Tierwohl- und Nachhaltigkeitsmaßnahmen erhöhen – Milchbranche auf Haltungskennzeichnung des Handels vorbereitet – Auch Molkereien setzen auf Trend bei Milchimitaten
Die Kosten für die Herstellung von Milch und Milcherzeugnissen sind deutlich gestiegen, was auch zu höheren Verbraucherpreisen führen wird. Dies stellte der Vorsitzende des Milchindustrie-Verbandes (MIV), Peter Stahl, bei der Pressekonferenz zum Milchpolitischen Frühschoppen in Berlin klar. „Die Volatilität trifft die Molkereien direkt, doch auch in anderen Märkten im vor- und nachgelagerten Bereich herrschen ähnliche dynamische Bedingungen“, so der Vorsitzende. Die Milchverarbeiter sähen sich mit sehr viel höheren Preisen für Rohstoffe, Verpackungen, Energie oder Transport konfrontiert. Das könne nicht aufgefangen werden und müsse an die Kunden weitergegeben werden. Die Milchbauern seien ebenfalls durch hohe Futtermittel- oder Energiepreise betroffen. Der durchschnittliche Erzeugerpreis für eine Standardmilch sei 2021 gegenüber dem Vorjahr bereits um rund 10 % auf 36 Cent/kg gestiegen, und für 2022 würden weiter steigende Milchpreise erwartet, „die natürlich auch an die Verbraucher weitergereicht werden müssen“, betonte Stahl. Angesichts der höheren Kosten sei ein „weiter so mit niedrigen Preisen“ nicht zu machen. Das gelte insbesondere für verarbeitete Milcherzeugnisse, die vorwiegend an den Lebensmitteleinzelhandel (LEH) verkauft würden, denn diese hinkten hinter den hohen Preisen für Bulkprodukte wie Butter und Magermilchpulver noch hinterher. Laut Stahl will die Milchbranche zukünftig noch nachhaltiger und „enkelfest“ wirtschaften und auch aktiv an Veränderungen mitwirken. Höhere Anforderungen an das Tierwohl, die Farm-to-Fork-Strategie oder Agrar- und Umweltauflagen würden allerdings ebenfalls zu höheren Kosten führen. „Doch der Wert der Produkte und die Wertschätzung muss sich im Preis widerspiegeln“, mahnte der MIV-Vorsitzende. Auf der anderen Seite seien die anteiligen Ausgaben für Lebensmittel am Einkommen in Deutschland meist geringer als in anderen Ländern, und über höhere Löhne sei auch mit einer anwachsenden Kaufkraft zu rechnen.
Anbindehaltung soll auslaufen
„Ein Mehr an Tierwohl ist wichtig und gewinnt auch beim Verbraucher zunehmend an Bedeutung“, erklärte Stahl. Um dieses sichtbar zu machen, beginne der deutsche Lebensmitteleinzelhandel nun auch Milchprodukte in sein vierstufiges Haltungskennzeichnungssystem einzubeziehen. Darauf sei die Milchbranche vorbereitet, unter anderem mit ihrem Qualitätssicherungssystem für die Milcherzeugung (QM-Milch) und dem Zusatzmodul für Tierwohl QM+. „Wir erwarten, dass sich Handel und somit die Verbraucher entsprechend an den höheren Produktionskosten für Milcherzeuger und Molkerei beteiligen werden“, betonte der MIV-Vorsitzende. Zum angekündigten Verzicht einiger Handelsketten auf Trinkmilch der Haltungsstufe 1 mit ganzjähriger Anbindehaltung äußerte Stahl, dass die Molkereien versuchen würden, diese Milch anderen Verwertungen zuzuführen. Er wies aber auch darauf hin, dass sich die Verbände in der Branchenvereinbarung auf ein Auslaufen der Anbindehaltung bis 2032 geeinigt hätten. Eine große Frage werde in Zukunft sein, wie eine Koexistenz der Wirtschaftsinitiativen und einem staatliches Tierwohllabel erreicht werden könne, ohne Milcherzeuger und Vermarkter zu überfordern.
Milchimitate eine Ergänzung
Bezüglich der immer größeren Nachfrage für Milchimitate, besonders im Trinkmilchbereich mit einem Marktanteil von mittlerweile fast 10 %, merkte der stellvertretende MIV-Vorsitzende Hans Holtorf an, dass mehrere Molkereien auf dem Weg seien, diesen Trend aufzunehmen, denn Technik und Know-how für die Herstellung seien vorhanden. Weil die Nachfrage für Milchprodukte am Weltmarkt wohl auch längerfristig steige, seien die Milchersatzprodukte eher „eine Ergänzung“ und würden keine „Verdrängung“ der echten Milchproduktion bewirken. MIV-Hauptgeschäftsführer Eckhard Heuser wies allerdings darauf hin, dass durch die alternativen Proteinprodukte „der Angriff breiter“ als früher sei. Damals hätten Monoprodukte wie Margarine nur das Fettprodukt Butter ersetzen wollen, heute würden verschiedene Proteinquellen wie Hafer, Erbse oder Sojabohne für unterschiedliche Milcherzeugnisse wie Trinkmilch, Käse oder Joghurt als Imitat genutzt. Hinzu komme zukünftig vielleicht auch noch die Milch aus der Petrischale. Da müsse, so Heuser, die ganze Branche vorbereitet sein. Diese hat, um den besonderen Wert der Milch in der Kommunikation mit den Verbrauchern herauszustellen, im vergangenen Jahr die „Initiative Milch“ gegründet. AgE
